Das Gartenreich
Dessau-Wörlitz

Das Gartenreich Dessau-Wörlitz ist mit seiner einmaligen Dichte von Denkmalen ein Ausdruck der aufgeklärten Denkweise des Dessauer Fürstenhofes. Die Landschaft wurde zum »Weltbild« ihrer Zeit.

Das Gartenreich Dessau-Wörlitz ist in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts an der mittleren Elbe und unteren Mulde entstanden. Zwischen der Bauhausstadt Dessau und der Lutherstadt Wittenberg gelegen, erstreckt es sich heute auf 142 Quadratkilometern. Es umfasst wesentliche Gebiete des historischen Fürsten- bzw. Herzogtums Anhalt-Dessau.



Fast das gesamte Territorium wurde durch das Landesverschönungsprogramm des Fürsten Franz gezielt umgestaltet und damit aufgewertet. Die Kernflächen des »Gartenreichs« werden noch heute durch die historischen Landschaftsgärten mit ihren Bauwerken und Gartenplastiken gebildet. Diese sind optisch durch ein Netz von Sichtachsen sowie verkehrsmäßig durch gestaltete Alleen entlang der Straßen und Deiche miteinander verbunden. 



Die herausragende Bedeutung des Gartenreichs erklärt sich vor allem aus folgenden Punkten:

Mehrere große Landschaftsgärten und deren Vernetzung durch weiträumige Landschaftsgestaltungen unter Berücksichtigung der natürlichen Gegebenheiten

Mit Wörlitz als Ausgangs- und Höhepunkt der Gestaltungen entstand hier ab 1765 der erste Landschaftsgarten Kontinentaleuropas. Seine in einem Zeitraum von mehr als vierzig Jahren erfolgte optische und gestalterische Vernetzung mit anderen Landschaftsgärten des Gebietes (Großkühnau, Luisium, Georgium, Sieglitzer Berg) führte zum Entstehen einer im europäischen Maßstab einmaligen Gartenlandschaft.

Synthese verschiedener Kunstgattungen im Rahmen der Landschaftsgestaltung, Ästhetisierung der Landschaft wird mit hoher architektonischer Qualität verbunden (Bauten Friedrich Wilhelm von Erdmannsdorffs)

Die Schöpfer beschränkten sich bei der Landschaftsgestaltung nicht auf ein Kopieren verschiedener, an anderen Orten gesehener Gartenbilder und Bauwerke, sondern strebten eine über die Vorbilder hinausgehende Synthese der verschiedensten Kunstgattungen an (von der Antike bis hin zur Neuzeit).

Pädagogisierung der Landschaft als Ausdruck aufklärerischer Reformideen durch öffentliche Zugänglichkeit der Gärten und Bauten sowie durch demonstrative Gartenbilder

Als neue, für Anhalt-Dessau wesenstypische Komponente muss die starke Pädagogisierung der Gartenlandschaft betrachtet werden, die auf der Philosophie Jean Jacques Rousseaus, den Überlegungen Johann Joachim Winckelmanns und der Ästhetik Johann Georg Sulzers basiert. Die öffentliche Zugänglichkeit von Gebäuden und Gartenanlagen war Bestandteil des pädagogischen Konzepts zur Humanisierung der Gesellschaft. Besonders durch die Gartengestaltung sollte vor mehr als 200 Jahren Bildung vermittelt werden. Seltene Gehölze und Pflanzen, literarisch inspirierte Gartenszenen und ganze Landschaften ließ man mit Hilfe der Gartenkunst vor den staunenden Zeitgenossen wachsen.

Ökonomische Nutzung der Landschaft in Verbindung mit ästhetischen Konzepten durch Anlage von Obstbaumalleen und Streuobstwiesen, Demonstration moderner Landwirtschaftsmethoden, Nutzung der Deiche als Verbindungswege

Ausgehend vom Gedanken einer ferme ornée (verzierte Landschaft) fand u. a. auch die Landwirtschaft als ökonomische Grundlage des Lebens der damaligen Zeit ihren Platz in der Gartenlandschaft. Im Sinne Rousseaus hatte sie in Anhalt-Dessau auch eine pädagogische Funktion zu übernehmen. Durch die bewusste Darstellung neuer landwirtschaftlicher Methoden im Landschaftsgarten gingen die Schöpfungen in Anhalt-Dessau nicht nur theoretisch, sondern auch praktisch über ihre Vorbilder in England hinaus.

Entwicklung eines Stilpluralismus in der Architektur (Beginn des deutschen Klassizismus und der Neugotik) und seine Nutzung als pädagogisches Element

Die Bauwerke Friedrich Wilhelm von Erdmannsdorffs stellen wichtige Ausgangspunkte für die Architekturentwicklung in Deutschland und Mitteleuropa dar. Mit dem Schloss Wörlitz (1769–1773) entstand das erste klassizistische Bauwerk der deutschen Architekturgeschichte. Das Gotische Haus (ab 1774) beeinflusste entscheidend die Entwicklung der neugotischen Architektur in Mitteleuropa. Erstmals wurde hier die Neugotik mit einer politischen Aussage (Erhalt der Souveränität der kleinen Reichsterritorien) verbunden. Mit den Kirchen in Riesigk (1800), Wörlitz (1804–1809) und Vockerode (1810–1811) entstanden die ersten neugotischen Sakralbauten Deutschlands. Der in einem Teil des Barockparks von Oranienbaum angelegte Englisch-chinesische Garten verkörpert heute den einzigen, in Europa original erhaltenen Garten seiner Art aus der Zeit vor 1800!

Sinnvolle Integration technischer Errungenschaften (Brückenbauprogramm) als Ausdruck eines ungebrochenen Modernitätsstrebens

Die zahlreichen Brücken in den Wörlitzer Anlagen spiegeln die Entwicklungsgeschichte des Brückenbaus wider. Das Bemerkenswerte an diesem Brückenprogramm sind die vielfältigen Formen und Konstruktionen. Von einem einfach über den Bach gelegten Baumstamm führte das Programm über die chinesische, venezianische, römische und eine Inkabrücke bis hin zur damals modernsten Eisernen Brücke.

Fortsetzung der Traditionen bis in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts

Heute ist eine Fläche von 142 qkm als Welterbe der UNESCO geschützt. Sie umfasst den Teil des historischen Gebietes, in dem sich die Denkmale hinsichtlich ihrer Zahl und ihrer Qualität besonders verdichten und der Charakter der gestalteten Landschaft besonders ausgeprägt und erlebbar ist. Dieses Territorium erstreckt sich von Dessau-Mosigkau im Westen über die Anlagen in Oranienbaum und Wörlitz bis nach Rehsen im Osten.